15. Mai 2017

WEITBLICK UND ZWEIFEL. Von Abraham bis heute - VISIONS AND DOUBTS

Die Lesung und Predigt beim Gottesdienst des Bibeldialogs für Angehörige von Menschen mit Behinderung waren Höhepunkt und Fazit der Tagung, in der es um den Umgang mit Gewalt, Aggressionen und Konflikten ging. Das Thema wurde sehr breit gefächert angegangen. War das vielleicht zu breit? Das habe ich mich vorher gefragt. Ob wir  den Bogen vom biblischen Abraham, über die Aktion T4 (das so genannte „Euthanasie"-Programm der Nationalsozialisten im 3. Reich, das in Wirklichkeit Mord an Menschen mit Behinderungen und psychischen Krankheiten war), Patientenverfügungen in leichter Sprache bis zu praktisch orientierten Anregungen zum Umgang mit Aggressionen bei Menschen mit geistiger Behinderung schaffen würden, war mir anfangs noch nicht ganz klar. Wie da wohl auch heilsames Singen und ein Besuch der Internationalen Gartenausstellung hineinpassen würden? Dank dem wunderbaren Leitungsteam und den ebenso wunderbaren TeilnehmerInnen (aus Deutschland, den Niederlanden und Tschechien) fügte sich alles zu einem stimmigen Ganzen in guter Gemeinschaft. Diese gute Gemeinschaft und die intensiven Gespräche, in denen jeder und jede offen auch über sehr persönliches sprechen kann, sind dann auch die wichtigsten Elemente dieser Tagung, die dafür sorgen, dass die meisten immer wieder zu dieser Tagung nach Berlin fahren – nicht alle jedes Jahr, denn irgendwas kommt dann soch mal dazwischen, aber dafür erfreulicherweise auch in Begleitung Neuer. Nächstes Jahr (25.-29. April 2018) wollen wir uns mit dem Thema DANKBARKEIT befassen. Dankbar für diese Begegnung bin ich auch dieses Jahr wieder.

The Bible words and sermon in our worship yesterday at the Bible Dialogue for relatives of people with disabilities were a perfect conclusion to the conference. Our topic was violence, aggression and conflict and we had a very wide approach. Too wide? I was a little concerned how we would manage the bridge from the Biblical Abraham, via the T4-programme in Nazi-Germany (which was meant to “legally” murder people with disabilities) all the way to practical instructions on how to deal with aggression in people with mental disabilities. How would “healing singing” and a trip to the International Garden Exhibition fit in? Thanks to a wonderful team and equally wonderful group of participants from Germany, the Netherlands and the Czech Republic it all came together and made sense. The intensive and open talks with each other are maybe the most important reason why many are coming back to the conference and sometimes with someone new coming along.
Next year, we will look at the topic GRATITUDE and I am indeed grateful already.

8. Mai 2017

Ein feste Burg ist unser Gott - A Mighty Fortress...

(for text in English please scroll down) 
Gestern war der Höhepunkt unserer musikalischen Begegnung in Siebenbürgen: der Gottesdienst in der Michelsberger Dorfkirche, den wir musikalisch gestalten durften. Hans aus Hermannstadt führte uns durch die Liturgie und Siegfried aus Remscheid hielt die Predigt – zusammen mit Klaus-Dieter aus Berlin, Carmen aus Broos las die Bibelworte. Tomas aus Prag spielte die leisen Töne auf der Laute und Gyöngyver aus Györ spielte die lauten auf der Orgel zu unserem deutsch-siebenbürgisch-polnischen Chor, den ganz wunderbar geduldig und virtuos Ruth aus Remscheid von einem zaghaften Häuflein mit recht unterschiedlicher Begabung zu einem recht ordentlichen Chor herangezogen hat. Das Ergebnis kann man sich sogar auf Facebook anhören. (https://www.facebook.com/reinhold.henning/videos/1307767472611523/)
Das Singen war nicht unser einziges Thema. Es ging um die Theologie Martin Luthers, wie wir sie in seinen Liedern finden, denn: „So sie’s nicht singen, glauben sie es nicht,“ soll er gesagt haben und „Wer singt, betet doppelt,“ wusste wohl schon Kirchenvater Augustinus.
Die Bibelarbeiten und Diskussionen haben nachdenklich gemacht. Was bedeutet „Allein durch Gnade“, bauen wir wieder auf eine neue „Werkgerechtigkeit“, wenn wir uns für bessere Menschen halten, weil wir etwa die Umwelt schützen, uns für Geflüchtete einsetzen oder gegen den Krieg demonstrieren? Natürlich ist es gut, sich so zu engagieren, aber wir sollten nie vergessen, dass uns Gottes Liebe vorher schon geschenkt ist, wir müssen sie nicht erst verdienen, können es auch nicht. Auch wenn es sich manchmal gar nicht so anfühlt: wir sind schon selig, unser ist schon das Himmelreich, wie es Siegfried in der Predigt gesagt hat. Alle unsere Bemühungen sind doch nur unsere Antwort auf das Wort Gottes, wenn auch wir Gott unsere Liebe zeigen wollen, so gut wir eben können.
Unser Ausflug zur Kirchenburg in Heltau wurde gekrönt durch die Musik und das Bibelwort dort, es ging um den verlorenen Sohn oder, besser gesagt, um die verschwenderische Liebe des Vaters, zu dem auch wir immer zurück können, egal wie sehr wir uns entfernt haben. Ein feste Burg ist unser Gott, zu Gast bei der deutschen Minderheit in Siebenbürgen lässt sich erahnen, wie kostbar diese Gedanke ist. Nicht umsonst ist genau dieses Lied fast schon eine Kirchenhymne.
Wir haben viel gelernt und viel gesungen und – vor allem – Gemeinschaft erleben dürfen. Siebenbürgen – und ganz besonders der kleine Ort Michelsberg (rum.: Cisnadioara) – hat „Heimatpotential“, wie eine frühere Teilnehmerin es einmal ausdrückte. 

In four days we went from a bunch of individuals from 5 different countries with very different levels of musical talent to a group of  friends and very decent choir.
(https://www.facebook.com/reinhold.henning/videos/1307767472611523/
Music was not our only topic. Being guests of the German minority in Romania, we learned a lot about what it means to find God to be a mighty fortress that can stand against all odds, even the emigration of 95 % of the congregation's members.  We learned about Martin Luther's theology as he put his ideas into hymns - to be sung in German, so that people could sing what they believed and believe what they were  singing. There was much food for thought: We are blessed - by God's grace alone. Nothing we can possibly achieve can EARN us God's love. But we don't have to earn it. It is a gift, given to every man, woman, child. We may bot always understand this generosity in love, just like the brother of Prodigal Son - as the two young musicians told us in the Heltau fortified church who played beautiful music to underline the message of the parable. 
Learning, singing and living together - that was the idea behind this Bible Dialogue.

24. April 2017

Gerechtigkeit - Justice

Gestern ging unsere pädagogische Studientagung zum Thema Gerechtigkeit zu Ende. Es ging um die Ursprünge unserer Sehnsucht nach Gerechtigkeit, die Beiträge der Reformation, besonders mit Blick auf die Bildungsgerechtigkeit, um soziale Gerechtigkeit und Modellen für ein bedingungsloses Grundeinkommen, aber auch um Gerechtigkeit zwischen den Generationen, die um füreinander da sein zu können und zu wollen, auch miteinander erleben können müssen. Es wurde deutlich, dass unsere menschlichen Vorstellungen, dass Gerechtigkeit in irgendeiner Weise an Leistung geknüpft sein sollte, nur ungerecht sein können. Schon zur Zeit der Reformation führte man in Wittenberg die „Gemeinen Kästen“ ein, in die die Reichen einzahlten und aus denen den Armen nach ihren Bedürfnissen geholfen wurde.  Und schon der Prophet Mohammed, dessen damals neue Religion, der Islam, zur Zeit des Übergangs von Tausch- zu Geldgeschäften geboren wurde, überzeugte zu Beginn auch durch seine Bemühungen um mehr Ausgleich zwischen Arm und Reich. Das Thema Islam ist in unserer Tagung ein wenig zu kurz gekommen, aber als Fazit blieb, dass alle Bemühungen um Gerechtigkeit von einem Argument ausgehen können: der absoluten Gleichwertigkeit aller Menschen. Gleich, ob wir dies ableiten von der Ebenbildlichkeit des Menschen mit Gott oder den Allgemeinen Menschenrechten, auf die jeder ein Recht hat, oder der Menschenwürde, die unantastbar ist. Bei Luther heißt es, dass der Mensch gerecht allein durch die Gnade Gottes sein kann. Die Allgemeinen Menschenrechte – auf Unversehrtheit, auf Wohnung, Kleidung, Bildung … - gelten für wirklich alle Menschen, egal wo sie leben, egal was sie tun oder ob sie überhaupt arbeiten oder etwas leisten, so wie die Gnade Gottes immer völlig unverdient geschenkt wird. Der Grundgedanke des Bedingungslosen Grundeinkommens ist im Prinzip derselbe, der Martin Luther antrieb.
Wir waren ein sehr vielfältige Gruppe von Jüngeren und Älteren, (relativ) Armen und (vergleichsweise) Reichen, christlich engagierten und kirchlich distanzierten, Berufstätigen Arbeitssuchenden, Renter/-innen, Angestellte und Freiberufler/-innen… aus Deutschland, Polen, Ukraine und USA, und so hat es mich doch ein bisschen überrascht, wie harmonisch die ganze Gruppe doch war.  
Yesterday we ended the study conference on the topic of Justice or Righteousness which are actually the same word in German. We began our search for the origins of our yearning for justice in the Age of the reformation (but the prophet Mohammad who funded Islam at a time when people were just changing from barter to money trade, also convinced by his endeavours to balance the situation between the rich and the poor and this create more justice. Most of the time we meant Justice, thinking about how all people have equal rights to food water, clothes and shelter, as well as participation and education… no matter where they are born and what they are able or willing to contribute. The idea behind the (Global) Unconditional Basic Income is just that, the same that brought forth the Declaration of Universal Human Rights. For Martin Luther – and maybe for Mohammad as well – the reason is that all people are equal before God, the creator of all. Luther explained by his doctrine of justification that God no one can be justified by his or her own achievements but all may have the grace of God through faith alone – or simply for being there.
We were a very diverse group with people from Germany, Poland, Ukraine and USA, older and younger, employed, retired or jobless, relatively rich and relatively poor, and so it was a pleasant surprise just how harmonious our discussions were.

28. März 2017

In der Welt habt ihr Angst - In the world you will have trouble.

(Please, scroll down for English text***) Gestern ging unser Bibeldialog zum Thema „In der Welt habt ihr Angst. Werte, die tragen“ zu Ende. Es war eine spannende Studientagung. Das ohnehin breite Spektrum des Protestantismus (in Deutschland, den Niederlanden, der Ukraine, Serbien und Georgien) wurde noch erweitert durch muslimische Teilnehmerinnen aus Bosnien und Herzegowina. Kein Wunder also, dass es auch mal deutliche Meinungsverschiedenheiten gab. Sind wir zu tolerant im „Westen“? Dialog bedeutet nicht unbedingt, dass man am Ende einer Meinung sein muss, solange wir zuhören und verstehen lernen wollen. War früher alles besser? Die Stellung der Frauen in Europa hat sich eindeutig verbessert. Für Christen in der damaligen DDR hat sich mit dem Mauerfall und der gewonnenen Freiheit auch Einiges zum Besseren gewendet. Für die Menschen in Jugoslawien waren die 90er Jahre geprägt von Krieg und Flucht.
Die meisten Werte, die uns allen wichtig waren und sind, finden wir nicht allein bei den Christen, zumal sie zumeist viel älter sind als das Christentum, oft direkt vom Judentum übernommen. Und es ist nur gut, dass diese Werte Einzug halten konnten in die Erklärung der Menschenrechte und auch Muslimen wichtig sind.
Sorge machte uns, wenn Menschen ihre Weltsicht auf alternativen Fakten und Verschwörungstheorien aufbauen. Wie sollen wir damit umgehen? Zuhören und nachfragen. Immer wieder. Demokratie ist nichts, was man ein für alle Mal besitzt; sie muss fortlaufend erarbeitet werden. Uns Christen gibt unser Glaube die Gewissheit, dass die Welt, die uns mitunter Angst machen kann, in Christus überwunden ist. 

*** Yesterday we ended our Bible dialog on the subject „In the World you will have trouble“. It was about values and whether the values we treasure so much are actually genuinely Christian. Most are of course directly adopted from Judaism and thankfully we also find them in the Declaration of Universal Human Rights. We did not always agree on the limits of tolerance, but with Christians and Muslims from Eastern and Western Europe, it is no surprise that we had a lot to learn from and about each other. Dialogue, after all, does not mean to have the same views, but to learn about the views of one another. Did things look better in the "good old days"? For some, the old days also meant that women had to ask their husbands if they were allowed to take a job (in Germany until the 1970s); for Yugoslavians, the 1990s meant the end of a peaceful community and the beginning of a brutal civil war with wounds that even today have not completely healed.
And today, there are people who build their idea of the world on alternative facts and conspiracy theories. We realize that democracy and freedom are never anything that one has once and for all. They need constant work and a firm stand. Christians see faith as a gift from God. It gives us the certainty that no matter what troubles we have in the world, in Christ, they will be overcome.

27. Februar 2017

Nun freut euch, lieben Christen g'mein. Die Reformation in ihren Liedern - The Reformation in its Hymns

Es ist schon Februar und die Leitungsteams und ich arbeiten schon eine Weile fleißig an den Bibeldialogen dieses Jahr. Der erste Bibeldialog in diesem Jahr fand aber jetzt erst statt.
Heute Vormittag reisten die Teilnehmenden wieder ab in ihre Heimatländer und Regionen in Deutschland, Polen, Tschechien, Russland, Litauen und Niederlande, den Kopf wie ich vermutlich noch voller Melodien von Luthers Liedern. Die Theologie der Reformation lässt sich über die Lieder ganz anders und besonders eindrücklich kennenlernen. Anders, als man vielleicht vermuten könnte, war es kein Luther-Fantreffen; auch Luthers Verhältnis zu den Juden und dem Islam wurden nachdenklich angesprochen. Im Rollenspiel wurden die Konflikte damals (und zum Teil bis heute) deutlich und lebhaft diskutiert. Dennoch gibt es Anlass zur Freude in der theologischen Botschaft der Reformation: nicht durch eigene Kraft und gute Taten müssen wir Gott gnädig stimmen, sondern seine Gnade ist ein Geschenk und es bedarf nur unseres aufrichtigen Glaubens, um dieses Geschenk zu erkennen und anzunehmen.
Ein Geschenk ganz anderer Art war sicher auch unser Gastreferent (und Teilnehmer), der nicht nur über die Kirchenlieder der Böhmischen Brüderunität und Michael Weiße eine Brücke zur 100 Jahre älteren Reformation und Jan Hus gebaut hat, sondern auch die hervorragende Ausstellung in der Berliner Staatsbibliothek als zusätzlichen Programmpunkt eingebracht hat.
Auf dem ersten Platz  der Lutherlieder-Hitparade landete "Verleih uns Frieden gnädiglich" - auch ein Hinweis darauf, dass wir die Gegenwart und die Welt außerhalb unserer Tagungsräume nicht vergessen haben.

Today, the participants of our first Bible Dialogue this year left to travel home to places all over Germany, to Poland, Lithuania, the Czech Republic,to  Russia and the Netherlands, their heads probably still full of melodies. The Reformation's theological thoughts are often more easily grasped in its hymns. We did not ignore the more disputable aspects of Luther's relationship to Jews and Islam, but at the end of the day, we were even more aware of the joy and liberation that are to be found in the fact that we do not need (nor can) work hard to gain the Grace of God, but that this Grace is God's gift, and our faith alone will let us realize and accept it.
A Luther hymn contest resulted in "Grant Peace, We Pray, in Mercy, Lord" as the winner, showing that in all our singing an rejoicing, we did not forget the world we live in today which is in great need of peace.

25. November 2016

Advent Advent

Der erste Advent ist ja diesmal wieder so früh, dass man sich noch gar nicht an die glitzernde Deko rings um uns herum gewöhnt hat. So fühlt es sich ganz passend an und neu und zum richtigen Zeitpunkt. Im November sind ohnehin zusätzliche Lichter sehr willkommen. Ich freue mich auf den Advent.
Die Botschaft, die in Jochen Kleppers Lied "Die Nacht ist vorgedrungen" so schön und klar verkündet, ist tröstlich, auch wenn es wohl so sein wird, dass "noch manche Nacht wird fallen auch Menschen Leid und Schuld". "Gott will im Dunkel wohnen" und ist bei denen, die sich nicht über die Adventslichter und Weihnachtsmärkte freuen können, die unglücklich sind und einsam, auf der Flucht und ohne ein Zuhause. Ich wünsche uns allen, dass wir einader ab und zu ein Licht in der Dunkelheit sein können. Gottes Gegenwart ist nicht immer leicht zu spüren, vor allem, wenn man verzweifelt ist. Da kann es hilfreich sein, statt dessen die Gegenwart eines liebevollen Menschen zu spüren.
Allen einen gesegneten ersten Advent!
 
The first Sunday in Advent is really early this year, so that all the Christmas decorations feel actually quite right, on time and  appropriate. Anyway, a little extra light is much appreciated in November. 
One of my favorite hymns in Advent is by Jochen Klepper "The night is far advancing, the day cannot be far" is comforting, even if or especially when it is true that "the shades of night descend on the guilt and pain we face" "God dwells in darkness" and so he is with those who are cannot find pleasure in festive lights and Christmas markets, those who are unhappy or lonely, refugees or homeless. I wish for us all that we may be a light in darkness every once in a while. God's presence isn't always easy to feel, espcially in times of despair. So it may be helpful to feel the presence of a loving person instead.
A Happy time of Advent to you all!

10. November 2016

Die gute Botschaft weitersagen - und wie!

Jetzt sind es schon ein Paar Tage, seit der Bibeldialog für Ehrenamtliche in der Gemeinde zu Ende ging. Es war wieder eine besonders angenehme Tagung, in der viele gute Gespräche schnell eine offene und vertrauensvolle Atmosphäre entstehen ließen. Das ist besonders den Teilnehmenden (aus Deutschland, Lettland und den Niederlanden) zu danken. Aber auch das Team, in dieser Zusammensetzung noch recht neu hat durch gute Vorbereitung und ein offenes Ohr für alle Fragen die Basis gelegt, auf der alles wachsen konnte: Komm, sag es allen weiter! Das war unser Thema. Und so ging es los mit der Frage nach dem WAS. Was ist der Kern des Evangeliums? Welche biblischen Texte drücken dies für uns am besten aus, aber auch welche Lieder lassen uns spüren, welche eine gute Nachricht wir zum weitersagen haben? Schon die Morgenandachten haben uns die richtigen Anregungen mit in den Tag gegeben. Das WIE haben wir diesmal vor allem beim Berliner Dom gesucht und schnell gemerkt, dass es für das weitersagen der frohen Botschaft von der Liebe Gottes keine großen Dome braucht, wohl aber eine Atmosphäre der Ermutigung und des Vertrauens, damit sich auch Ehrenamtliche mit ihren Gaben einbringen können. Ein besonders schönes und nachklingendes Beispiel durften wir kennenlernen mit dem heilsamen Singen mit Ingrid Ossig vom Berliner Dom. Andere Beispiele, wie eine Gemeinde das Evangelium auch Außenstehenden nahe bringen kann, stellt Domprediger Müller vor. Seine Beobachtungen und Erfahrungen, dass es doch auch unter Kirchenfernen Interesse an gelebter Spiritualität gibt, hat Mut gemacht. Jutta Becker Plädoyer für Vertrauen auf die Kraft von Gottes Wort ließ uns auch die Wurzeln unseres Glaubens im Jüdischen bewusst werden. Gute Neuübersetzungen zum besseren oder leichteren Verständnis der biblischen Botschaften sind hilfreich und nützlich, aber im Gottesdienst ist es wichtig zu erinnern, dass diese Worte eben nicht alltäglich sind, sondern ein Schatz und eine Kraftquelle, etwas Besonderes und Heiliges. Offen blieben manche Fragen und Sorgen, zumal in kleinen Gemeinden in der Diaspora bzw. in einem fast völlig säkularen Umfeld, ob denn die Sprache der Lutherbibel die Menschen erreicht, die nicht zum Nachgespräch bleiben wollen, wo sie Verständnisfragen stellen könnten.

3. November 2016

Komm, sag es allen weiter - Go, tell it on the mountains

Gestern ging es schon wieder weiter mit dem Bibeldialog für Ehrenamtliche in der Gemeindeleitung. Eine eher kleine Gruppe, aber dafür auch wieder sehr engagierte Menschen. Es geht uns darum, wie wir das Evangelium weitersagen können. "Komm, sag es allen weiter! Aber was? und Wie?" ist die Überschrift. Mit dem Was ging es gestern und heute los: was ist denn die Essenz des Evangeliums? der guten Nachricht? Worauf kommt es an? Und wenn wir das wissen, fragen wir, wieso wie so oft das Weitersagen allein den TheologInnen überlassen wollen. 
Yesterday we started this year's last Bible Dialogue. A small but deeply committed people, congregation elders will discuss and experience what it is that make the Gospel so precious, what is the good news that we want to tell on the mountain and shout into each house? And why do we often feel this is not our job, but the pastors'?

31. Oktober 2016

Heimat ist kein Ort… Home is not a place…

Gestern ging unser Bibeldialog zum Thema Exil und Reich Gottes zu Ende. Wie immer waren es wohl die persönlichen Begegnungen, die diese Tagung zu etwas besonderem gemacht haben; nicht zuletzt die Frauen aus Bosnien, deren konkrete Exilerfahrungen während des Bosnienkriegs es vielleicht schwerer machten, unsere ganz privaten Momente der Entfremdung noch als eine andere Art des Exils zu verstehen. Da half es, dass wir mit der Einführung in die gewaltfreie Kommunikation lernen konnten, dass die Bedürfnisse eigentlich bei allen Menschen gleich sind, nur manchmal die Prioritäten nicht und vor allem unsere Strategien, sie zu befriedigen. Frieden ist ein solches Bedürfnis, aber neben Essen, Obdach, Kleidung eben auch Feiern und Lachen. Sich das ins Bewusstsein zu rufen lässt Verständnis wachsen und Empathie für das gegenüber. Die Bibelarbeiten ließen uns auch nachdenklich werden. Ging Jesus über die Grenze, also quasi ins Exil, um für einen Moment den Erwartungen an ihn, den Wunderheiler, zu entkommen, zu sich selbst zu kommen? War er deshalb so ungehalten zu der Frau, die für ihre Tochter um Heilung bat? Müssen auch wir uns manchmal einfach zurückziehen, damit wir uns nicht selbst entfremden?
Das Fremde empfinden wir manchmal direkt um uns, manchmal sind wir es, der den anderen um uns fremd ist, manchmal ist das Gefühl der Fremdheit auch nur den offenen Fragen geschuldet, die noch gestellt werden sollen. Hier waren wir Rabbi Rothschild und Neda sehr dankbar für ihre Offenheit und Geduld. Aber jede/r Einzelne, egal ob aus Deutschland, Polen, Estland, Österreich, Libanon, Bosnien und Herzegowina oder Russland, hat dazu beigetragen, dass unsere Gespräche fruchtbar waren, und geprägt von gegenseitigem Vertrauen. Zumindest an diesen 4 Tagen fühlten wir ein Stück Heimat, das nichts mit einem konkreten Ort zu tun hat.

Yesterday was the end of our Bible dialogue on Exile and the kingdom of god. As usually in our conferences, it was the personal encounter with people from different countries and intense talks with one another that made the time so special. Last not least the women from Bosnia who shared their personal experience with exile during the war made it hard to feel sorry for ourselves for those moments when we feel estranged deep within. It helped to learn from the non-violent communication that we all share the same needs, with sometimes different priorities and certainly different strategies to fulfill them. Peace for one, but besides food, clothes and shelter, also celebration and laughter. Realizing this helps to be more understanding of others and of our own motives.
The bible talks were also a challenge and food for thought. Did Jesus cross the border to escape people’s expectation in him as a miracle worker? To find himself again? Was that why we was so rude to the woman who only begged for her daughter to get well again? Is this what we sometimes need to do to not be alienated from ourselves? Sometimes we feel foreign in our own familiar environment. Sometimes the strangeness is only due to unasked questions. We are thankful that Rabbi Rothschild and Neda were patient and kind in answering our questions on Islam and Judaism. But every one of the participants from Germany, Poland, Austria, Bosnia, Estonia and Russia (and years ago from Nigeria and Lebanon) contributed to open and trusting conversations, so that for these four days we could say we found a sense of home that had nothing to do with a place or town.

24. Oktober 2016

Figuren der Kindheit für die Welt von Morgen - Childhood characters for tomorrow's world

(Please, scroll down for English text) Gestern ging der Bibeldialog der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa zu Ende. Das war ja in den 90er Jahren der Einstieg in die gesamt-europäische Begegnungsarbeit.  Auch diesmal waren wieder TeilnehmerInnen aus verschiedenen Ländern dabei:  Deutschland, Polen, Lettland, Tschechien und Siebenbürgen (Rumänien). Es ging um Kinderbücher und Kinderbibeln. Der Austausch über unsere eigenen Erinnerungen an unsere liebsten Kinderbuchhelden waren vermutlich das Spannendste. Das macht wohl ein gutes Kinderbuch aus, wenn wir als Erwachsene, zum Teil Jahrzehnte später noch gerne an unsere Kindheitsbegleiter denken und sie gerne unseren Kindern oder Enkeln als Begleiter mitgeben wollen. Pippi Langstrumpf und Alice im Wunderland werden  wohl noch viele Generationen begleiten. Auch Spidermann ist schon eine Weile dabei. Wird das auch Harry Potter schaffen? Klar war, Dank Olivia vom internationalen Kinderbuchladen Amadito&Friends in Prag, wie vielfältig und umfangreich Kinderliteratur heute ist. Wie auch ganz aktuell die Buchmesse in Leipzig wieder bestätigt: Kinder lieben Bücher und sie lieben Poesie, das Spiel mit der Sprache und den Lauten und die ganz unterschiedlichen und oft ganz zauberhaften Illustrationen, die vor allem für die Kleinen besonders wichtig sind. Und die (polnische) „Lokomotive“ werden wir wohl nie vergessen. Jürgen Rennerts Kindergedichte aus der Zeit der DDR können Kinder bis heute bezaubern.  Beeindruckend waren auch die handgeschriebenen und von Familie zu Familie heimlich vervielfältigten und weitergereichten Bibelgeschichten für Kinder aus der Sowjetzeit in Lettland, als Kinderbibeln dort verboten waren. Auch im Westen sind kindgerechte Bibeln noch nicht lange überall präsent. Im Berliner Bibelkabinett stellte uns Mareike ein wahres Buffet der aktuellen Vielfalt an Kinderbibeln vr.  Was sind Kriterien für eine gute Kinderbibel? Was darf weggelassen werden, wie einfach kann eine Bibelgeschichte erzählt werden, ohne ihre wesentliche Aussage zu verlieren? Comic- oder Lego-Bibeln (wie auch der Klassiker wie Schnorr von Carolsfelds Bibel in Bildern) stellen Gott oft als alten Mann mit weißem Bart dar, das geht eigentlich gar nicht. Und wie niedlich dürfen die Bilder sein? Wie viel Gewalt kann man einem Kind in welchem Alter zumuten? Am Tag nach dem Besuch im Bibelkabinett  kam die Frage, wie man Kinder bzw. Jugendliche mit dem Thema Shoah in Berührung bringen kann, so dass die Erinnerung nicht mit den letzten Zeitzeugen stirbt. Das Projekt „We will call out your name“ versucht es über das Medium Comic und indem es das Leben in den Vordergrund rückt: Was für ein Leben hätten die Ermordeten gehabt? Jugendliche sollen aufgefordert werden, dieses Leben, das so abrupt und viel zu früh endete, weiter erfinden, und so die Toten im Fiktiven „auferstehen“ lassen. Letztlich geht es immer um das Leben.
Yesterday we ended the Bible Dialogue of the Community of Protestant Churches in Europe. Since the 1990s, these are international encounters and this year we were participants from Germany, Poland, Latvia, Czech Republic and Transylvania (today’s Romania). We talked about children’s books and Bibles and how the books we read influenced us and how we think. Those memories of the characters of our own books in Childhood were probably the best part of the encounter. Pippi Longstocking and Alice in Wonderland have been part of children’s lives for a long while. Will Harry potter last that long? Thanks to Olivia from Amadito&Friends , the international children’s bookstore in Prague, we have an idea just how colourful and diverse today’s literature for children is. One thing is clear: children love books and they love poetry, the playing with language and sounds, and of course pictures. (We will never forget the Polish locomotive.) And Jürgen Rennert’s poetry for children can still enchant today.  Also impressive were the hand written Bible stories for children, that Latvian families secretly copied and passed on in Soviet days, because children’s Bibles were illegal. In the West, too, children’s Bibles have not been so well known for long. Mareike at the Bibelkabinett showed us a rich bouquet of children’s Bibles of all ages, from early picture Bibles to today’s Lego Brick-Bibles. But can (and should) one depict God as an old man with a beard? How sweet should the illustrations be? How reduced can a Bible story be before it loses all meaning? How much violence can we expose children to – and at what age? Another question, a day later, was how to tell children about the Shoah, so that the memory will not die with the last witnesses.  The Jewish comic-book-project “We will call out your name” (still in the making) will encourage children to invent the lives that murdered Jewish people would have had and thus will bring them “back to life” in fiction, make sure they will not be forgotten. In the end, it is all always about life.